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Amalie Sieveking

Der Lebensweg von Amalie Sieveking war nicht eigentlich spektakulär, aber durch einige Besonderheiten gekennzeichnet. Aus heutiger Perspektive führte er dazu, dass sie als eine Wegbereiterin vieler Sozialreformen und der Frauenemanzipation angesehen wird. Ihr Fundament war der christliche Glaube. Sie gilt als Mitbegründerin der organisierten Diakonie in Deutschland.

Geboren in Hamburg am 26. Juli 1794 als Tochter einer bekannten Kaufmannsfamilie war für Amalie das Leben in einer behüteten und sorglosen Welt vorgesehen. Sie wurde ? wie in ihrem Stand üblich ? in Musik, Literatur und Kunst sowie der Haushaltsführung erzogen.

Mit dem Tod ihrer Eltern wurde die 15-jährige zur Waise. Wenig später ging während der napoleonischen Besatzungszeit das Familienvermögen verloren. Das Mädchen fand eine neue Heimat bei einer Verwandten von Friedrich Gottlieb Klopstock und unterrichtete dessen Neffen.

Sie entdeckte ihr Talent als Lehrerin und zusammen mit Hilfskräften unterrichtete Amalie Sieveking junge Mädchen in der von ihr gegründeten Erziehungsschule. Diese kleine Freischule, finanziert durch Spenden der wohlhabenden Hamburger Bürgerschicht, existierte bis 1858. Zusätzlich gab die tief religiöse Amalie jeden Sonntagnachmittag Unterricht in einer Armenschule ? diese Aufgabe führte sie bis zu ihrem Lebensende aus.

Als 1830 in Hamburg eine Choleraepidemie ausbrach, meldete sich die Kaufmannstochter als Krankenpflegerin und wurde bald darauf als Aufsicht über die Pflegekräfte eingesetzt. Durch diese Arbeit kam Amalie Sieveking mit der großen Armut der Bevölkerung in Berührung. Bei Besuchen der von ihr betreuten Menschen in ihren ärmlichen Behausungen erkannte sie, dass neben der Bildung ganz praktische Hilfen notwendig waren.

Am 23. Mai 1832 gründete Amalie Sieveking deshalb mit 13 weiteren Damen ihren "Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege". Die Mitglieder des Vereins besuchten Bedürftige, vermittelten Arbeit und boten Hilfe zur Selbsthilfe an.

Durch Spenden, die Amalie Sieveking bei wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilien einwarb, und durch die Unterstützung vieler Freunde aus dem In- und Ausland, wuchs ihr Werk schnell und wurde zum Vorbild für andere deutsche Frauenvereine und Einrichtungen der Krankenpflege.

Ihre Bedeutung als Laientheologin fasst Professorin Dr. Inge Mager folgendermaßen zusammen:

"Amalie Sieveking (und Elise Averdieck) haben sich in Kirche und Theologie eingemischt. Sie begnügten sich nicht mit dem bis dahin für ihre weiblichen Aktivitäten üblichen familiär-privaten Raum. Vielmehr vertraten sie ihre religiösen Überzeugungen auch öffentlich und setzten sie in pädagogisches und soziales Handeln um. Dadurch verliehen sie Frauen in Kirche und Theologie eine Stimme und trugen auch dazu bei, das Leben in der Stadt Hamburg zu verändern. Insbesondere weckten beide das Interesse alleinstehender Frauen an einem Lebensberuf als Alternative zur Ehe. Damit gaben sie Impulse weit über die eigene Zeit hinaus. Ihre auf autodidaktischem Wege erlernte und durch die Praxis geformte Frömmigkeits-Theologie erhebt keinen akademischen Anspruch. Die akademische Theologie aber ist durch sie bereichert, belebt und beglaubigt worden." (Mit freundlicher Genehmigung der Autorin; überarbeitete und gedruckte Fassung in: Johann Anselm Steiger: Arbeiten zur Kirchengeschichte, Band 95; Verlag Reuter, Berlin 2005)

Amalie Sieveking starb am 1. April 1859 im Alter von 64 Jahren in Hamburg an Tuberkulose. Ihr Grab ist auf dem Hammer Friedhof zu finden.